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Brigitte Reimann - Franziska Linkerhand

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17. Juni 2015 von

Franziska Linkerhand  - was ist es denn nun eigentlich?

Ein Liebesroman? Ich gebe zu, ja, da ist Ben, da ist das Zimmer in Berlin. Da sind die kitschigen Szenen mit heißen Küssen und Schutz unter der olivgrünen Windjacke. An Männern mangelt es wahrlich nicht in diesem Roman und wer genau hinschaut, erkennt schnell, dass schon die Erzählweise verrät, welche Männer sexuelles Begehren für Franziska empfinden. Nur der Vater, dieser Intellektuelle aus dem 19. Jahrhundert, ist davon ausgenommen. Alle anderen sind von der Lust getrieben und Franziska kennt ihr Innenleben. 



Ein Produktionsroman? Das mag man zu Beginn glauben, aber Franziska Linkerhand ist nicht Ankunft im Alltag, auch wenn die Kritiker der DDR das gern so gesehen hätten. Walter Lewerenz hätte noch so viel schreiben können davon, dass die Reimann ein positives Ende wollte, in dem Franziska nach Neustadt zurückkehrt. Am Ende wissen wir es doch nicht, denn Brigitte Reimann hatte keine Zeit mehr, den Schluss zu schreiben. Und so können wir nur hypothetisch über einen Schluss sprechen, den es nicht gibt.

Ist es ein Frauenroman? Auch Frauen gibt es einige in Franziska Linkerhand und die Autorin gibt ihnen nicht nur eine, sondern viele Stimmen, denn auch Franziskas Abschiedsbrief ist ein Chor: Hier spricht nicht nur die Franziska, die in Neustadt gescheitert ist, hier spricht auch die jugendliche Franziska, die liebende, die hassende, die rasend eifersüchtige, die desillusionierte, die entfremdete Franziska. Sie tut es in der Form des "ich" und des "sie", im Präteritum und im Präsens und sie lässt andere sprechen. Zum Beispiel Gertrud, gegen deren trostloses Leben Franziskas Scheitern sich ausnimmt wie ein tiefer Kratzer gegen einen Bauchschuss. Die Freundfeindin sieht am Ende keinen Ausweg mehr und wählt den Freitod.

Am Ende bleibt die Feststellung, dass Franziska Linkerhand all das ist und noch viel mehr. 10 Jahre hat Brigitte Reimann an diesem letzten Buch, an ihrem "Experiment" geschrieben. Sie war sich nie sicher, ob ihr "Unglücksbuch" jemals veröffentlicht wird und wir haben es anderen zu verdanken, dass das Manuskript nicht verloren gegangen und Franziskas Stimme ungehört geblieben ist. Noch wichtiger ist dabei die Neuausgabe des Romans von 1998, in der die Kürzungen und Zensuren rückgängig gemacht wurden und damit die eigentliche Franziska wieder zu Tage tritt. Und als "Experiment" sollten wir es auch lesen und dabei nicht vergessen, dass hier eine Autorin bis zu ihrem Tod geschrieben hat und keine Zeit mehr blieb, den Text zu ordnen und straffen. Aber genau darin liegt vielleicht der Reiz von Franziska Linkerhand. Es ist wahrlich kein einfaches Buch, aber ein lohnenswertes ist es doch allemal.


Dmitry Glukhovsky: Metro 2033

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3. Mai 2015 von

Neben Sergej Lukianenko ist Dmitry Glukhovsky der Sci-Fi-Schriftsteller Russslands der Gegenwart, den man auch hierzulande wahrnimmt. Metro 2033 und der Nachfolger Metro 2034 haben eine ganze Welle von Begeisterung ausgelöst: Neben einer ganzen Reihe von Co-Autoren, die weitere Geschichten aus dem Metro-Universum schreiben, wurde auch ein Computerspiel veröffentlicht (das leider nur wenig von der Originalstory wiedergibt).

via amazon
Die Ausgangssituation ist ein Klassiker des Genres: Nach einem internationalen Atomkrieg haben sich die Überlebenden vor ungefähr 20 Jahren in das Moskauer U-Bahnsystem geflüchtet, wo sie nun in relativer Dunkelheit mithilfe von Schweinefleisch und Pilzen überleben. Draußen aber ist eine Welt, die nun von neuen Kreaturen bevölkert wird, die den Menschen feindlich erscheinen und deren Eindringen in die U-Bahn sie immer wieder abzuwehren versuchen. Aber nicht nur von außen kommt die Gefahr, denn das U-Bahnnetz teilt sich in Bereiche, in denen sich die politisch verschiedensten Fraktionen etabliert haben und untereinander konkurrieren: Neonationalisten, Kommunisten, Kapitalisten, Monarchie, Anarchie - Die Metro bietet alles.

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Gelesen: Grenzfall

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20. August 2013 von

via Argument Verlag
Nach der Anthologie Meine Ostsee war es Zeit für ein Buch, in dem Mecklenburg-Vorpommern nicht nur schöne und idyllische Seiten hat. Dafür eignet sich doch nichts besser als ein Krimi und Merle Kröger hat mit "Grenzfall" einen geschrieben, der nicht einfach nur ein Whodunnit ist. Stattdessen wird es politisch.

Darum geht es

1992, im Morgengrauen eines Sommertages, kommt es in der Nähe der kleinen Hansestadt Kollwitz in Vorpommern zu einer Kette von Ereignissen, die mit dem Tod zweier Menschen endet. Nur wenige Monate vor dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen werden 2 Roma im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen erschossen und nur wenig später brennt das Asylheim in Kollwitz. Erst 2012 kommen neue Erkenntnisse ans Licht, die Klarheit schaffen können.



"Sie sagt es waren Einzelne. Arno hat schon Anzeige bei der Polizei erstattet. Sie will nicht, dass wir glauben, dass alle hier -" Marius brachte seine Tochter mit einer kurzen Handbewegung zum Schweigen. Hier herrschte ein Krieg, der nicht seiner war. Er wollte nur weg, irgendwohin, wo er eine Arbeit finden und die Familie ernähren konnte. Stattdessen wartete er nun schon über ein Jahr auf die nötigen Papiere. Er zeigte auf das Kreuz. "Kann sie es an einem sicheren Ort für mich aufbewahren?" Adriana übersetzte, die Frau deutete auf den Altarraum und sagte etwas. "Hier drin wird es niemand wagen , es anzurühren." Marius nickte. "Ich fahre nach Rumänien, um die Papiere für die Überführung zu besorgen." Er sah, wie Adriana zusammenfuhr. Sie wusste, was das hieß. Er würde unterwegs sein. Und sie musste für die beiden Kleinen sorgen, Vater und Mutter zugleich sein. Mit vierzehn Jahren. Sie würde es schaffen.
Das meine ich

"In Europa fallen die Grenzen." "Europa wächst zusammen." Sätze wie diese sprechen von Grenzen - von Landesgrenzen, Grenzen im Denken, Grenzen zwischen den Kulturen Europas. Und auch die Literatur kennt den Begriff der Grenze und der Grenzüberschreitung in mehrerer Hinsicht. Für die Strukturalisten ist die Grenzüberschreitung ein wichtiges Element des Erzählens, denn hier erst entwickelt sich Handlung. Der Held überschreitet eine Grenze, er betritt einen anderen Raum und was er dort findet entscheidet über den weiteren Verlauf der Erzählung. Eine andere Verwendung des Grenzbegriffs findet sich auf der kulturellen Ebene. Die Grenze manifestiert sich hier in der Unterschiedlichkeit der Kulturen - sowohl visuell als auch gedanklich. Und nicht zu vergessen ist die offensichtlichste Verwendungsmöglichkeit als "Grenzliteratur", Literatur, deren Handlung an Grenzen abläuft.

So vielfältig in der Literatur der Begriff der Grenze verwendet wird, so vielfältig findet er sich auch in Merle Krögers Roman "Grenzfall" wieder. So ist die Ermordung der beiden Männer ein "Grenzfall" in dem Sinne, dass er im deutsch-polnischen Grenzgebiet stattfindet. Daneben aber kann der Titel auch als ironisches Wortspiel gelesen werden: 1992 ist der Fall der innerdeutschen Grenze nur wenige Jahre her, aber in den Köpfen der Menschen aus Ost und West noch nicht angekommen. Dieselbe Problematik zeigt sich bei der Öffnung der innereuropäischen Grenzen nach dem Schengener Abkommen. So wie der Vorpommer Jahn den westdeutschen Jäger Walther nicht versteht, so verstehen auch 2012 viele Deutsche noch immer ihnen fremde Kulturen, mit denen sie konfrontiert werden, nicht. So schwelt der Konflikt auf vielen Ebenen und die deutsch-polnische Grenze wird zum Symbol der Trennung, auch wenn sie offen und durchlässig ist. Sie wird im Verlauf der Erzählung mehrfach von verschiedenen Figuren überschritten und doch bleibt am Ende der Erfolg dieser Grenzüberschreitungen auf beiden Seiten fraglich und fragil. 

Merle Kröger thematisiert Themen, über die nicht nur in Vorpommern gesprochen werden sollte, oder besser: gesprochen werden muss. Dass die Fremdenfeindlichkeit hier existiert, kann nicht bestritten werden. Im Buch finden sich neben einem Nazi-Mob auch ein Parteivertreter der NPD, der seine ideologischen Ergüsse ganz ungestraft vor Schulkindern vorträgt, weil der Lehrer "dass alles doch nicht so schlimm findet, ist doch nur die Wahrheit." Jedoch bleibt der Roman eine Beschreibung der Zustände und gibt nur wenig Erklärung dafür, warum nun genau im ländlichen Raum in Vorpommern die Rate der Rechtswähler bis zu 30 % beträgt. Auf der anderen Seite des Konflikts stehen die eingewanderten Familien aus Rumänien, die im Kollwitzer Heim auf ihre Papiere warten. Nur wenige Einwohner nähern sich ihnen ab, von den meisten werden sie abgelehnt oder sogar bedroht. Merle Kröger zeigt ihren Lesern in "Grenzfall" auch diese andere Seite und gibt Einblick in die Kultur und die Lebensauffassung der Roma und Sinti. Dabei umschifft sie geschickt eine romantisierte Darstellung, wie sie so häufig existiert.

Die nicht mehr ganz junge Mattie Junghans ist die Verbindung zwischen allem. Was genau Mattie eigentlich macht, ist nicht ganz klar. Früher ein Programmkino, dann ein Shaolin-Kloster im Norden Deutschlands und jetzt Öffentlichkeitsarbeit für eine Berliner Anwaltsfirma - Matties Lebensentwürfe verändern sich immer mal wieder. Sie macht sich gut neben den Berliner Anwälten, die mit der Mate in der Hand die Welt zu einem besseren Ort machen. Und trotzdem  - so richtig passt Mattie dann doch nicht ins hippe und alternative Berlin. Grenzen gibt es eben überall.

Alles in Allem

"Grenzfall" ist ein spannender Kriminalroman, der durchgehend überzeugend kann, obwohl schnell klar ist, wer hier gemordet hat. Merle Kröger zeigt dem Leser Grenzen jeglicher Coleur - im Kopf, im Herzen, im Verstand und geographische. Ein politscher Krimi aus Mecklenburg-Vorpommern, der einem wieder ins Gedächtnis ruft, dass hier nicht alles nur schön und idyllisch ist.

Bechdel-Test

Volle [3/3] Punkten.

Merle Kröger
"Grenzfall"
Argument-Verlag, 2013
347 Seiten


Gelesen: Throne of the Crescent Moon

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17. August 2013 von

via Webseite des Autors
Auf der Suche nach Fantasyromanen von Autoren außerhalb des anglo-amerikanischen Sprach- und Kulturkreises bin ich unter Anderem auch auf Saladin Ahmed gestoßen, dessen Roman "Throne of the Crescent Moon" in diesem Jahr erschienen ist. Auch wenn Ahmed die Auswahlkriterien eigentlich nicht erfüllt (er wurde in Detroit geboren und lebt auch heute in den USA), hat der Roman doch von verschiedenen Seiten recht gute Kritiken erhalten, die mich dazu veranlasst haben, ihn zu bestellen. 

Darum geht es

Dr. Adhoulla Makslood und sein Assistent Raseed bas Raseed gehen einer Arbeit nach, die außer ihnen niemand mehr erledigen kann: Sie sind professionelle Ghuljäger in der Stadt Dhamsawaat. Die Stadt steht am Rande einer Revolution, der Konflikt zwischen dem Falcon Prince und dem Kalifen droht zu eskalieren. Inmitten dieses Chaos aber entdeckt Dr. Adhoullah eine Gefahr, die weit größer ist und die ganze Stadt in den Abgrund reißen kann.

Dhamsawaat, King of Cities, Jewel of Abassen
A thousand men pass through and pass in
Packed patchwork of avenues, alleys and walls
Such bookshops and brothels, such schools and such stalls
I've wed all your streets, made your night air my wife
For he who tires of Dhamsawaat tires of life.

Das meine ich

"Throne of the Crescent Moon" eröffnet mit einer Teehausszene wie aus einem orientalischen Märchen. Dr. Adhoulla genießt den Frieden des Tages und pflegt seine persönlichen Beziehungen. In diese friedliche Stille hinein platzt nun sein Assistent, der einen Jungen bei sich hat, dessen Eltern von Ghuls ermordet wurden und schon eilt Dr. Adhoulla zur Tat. Soweit also eine klassische Erzählsituation zur Eröffnung. Das Setting erweist sich als typisch orientalisch, die Figuren werden von ihrer persönlichen Seite eingeführt und es entsteht der Eindruck, dass sich in diesem Roman nicht lange mit nebensächlicher Handlung aufgehalten wird. Abenteuerstimmung. Und tatsächlich folgt eine spannende Jagd auf einige Ghule außerhalb der Stadt und die Begegnung mit der weiblichen Hauptfigur (die hat es allerdings in sich). Mit jeder Seite, die man danach jedoch umblättert, steigt die Angst vor dem großen erzählerischen Nichts. Zwar ist alles sehr schön geschrieben und die Sprache kommt leicht daher, ohne große Wiederholungen und voller gut beobachteter Details, aber am Ende bleibt doch die Gewissheit, dass dieser Roman nur der Auftakt zu einer weiteren Trilogie ist. 

Saladin Ahmed nutzt die 367 Seiten von "Throne of the Crescent Moon" vor allem als breit angelegte Einführung seiner sympathischen Figuren. Dr. Adhoulla Makhslood ist schon deshalb eine erfrischende Abwechslung zu den vielen anderen bekannten Hauptfiguren aus Fantasyromanen, weil ihm die jugendliche Unerfahrenheit fehlt. Hier endlich hat der Leser es nicht mit einem jungen Mann zu tun, der seinen Weg in der Welt noch suchen muss, sondern mit einem Mann in gesetztem Alter. Für Adhoulla ist der Kampf gegen das Übernatürliche Alltag; es schreckt ihn nicht und er muss sich nicht mehr behaupten - im Gegenteil erscheint er müde. Sein Gegenstück ist Raseed bas Raseed, Adhoullas Assistent, der als Derwisch in einem Konflikt zwischen persönlichen Gefühlen und Pflichterfüllung im Namen Gottes gefangen ist. Dazu kommen noch weitere Nebenfiguren, von denen vor allem die junge Zamia wichtig ist.

Die Welt, die in "Throne of the Crescent Moon" entworfen wird, erscheint als Mischung aus orientalischem Märchen und Religionsstudium. Neben vielen Motiven aus Märchen und Mythen, wie Djinns und Ghule, ist die Religion der Figuren ein wichtiges Element. Zu jeder Gelegenheit zitieren die Figuren aus der Heiligen Schrift, sei es im Kampf oder in der moralischen Entscheidungsfindung. Dabei drängt sich dennoch das Gefühl auf, dass diese Welt so geformt ist, dass sie vor allem Leser aus dem westlichen Kulturkreis anspricht.

Alles in Allem

"Throne of the Crescent Moon" ist durch sein orientalisches Setting eine willkommene Abwechslung im Fantasy-Genre. Saladin Ahmed schafft es, glaubhafte Figuren zu entwerfen. Mit wechselnden Erzählperspektiven werden deren Eigenschaften in Innen- und Außenbetrachtung entworfen. Dass der Roman der erste Teil einer Trilogie ist, ist sein großer Vor- und Nachteil. Die Handlung ist dieses Romans ist nur der Ausgangspunkt für die weiteren Teile, sie bleibt der Rahmen für die Charakterstudien der einzelnen Figuren.

Bechdel-Test
Obwohl es mindestens 4 namentlich bekannte weibliche Figuren gibt, interagieren diese nicht häufig. Von allen weiblichen Figurenbeziehungen ist die zwischen Zamia und Litaz noch am meisten hervorzuheben. Und dennoch unterhalten sich diese beiden Figuren ausschließlich über Themen, die mit den Männern in ihrem Umfeld zusammenhängen.
Auch bei diesem Roman zeigt sich wieder die Schwäche des Bechdel-Tests. Die Bewertung von [2/3] erscheint negativ. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass den Frauenfiguren in "Throne of the Crescent Moon" eine aktive, und den männlichen Figuren ebenbürtige Rolle zukommt. Diese wird jedoch nur in der Interaktion mit Männern deutlich.

Saladin Ahmed
Throne of the Crescent Moon
DAW Books, 2013
367 Seiten
Webseite des Autors


Gelesen: Abteil Nr. 6

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30. Juli 2013 von

via amazon
Russland war ja schon das Thema der letzten Rezension und spielt auch in diesem Roman eine wichtige Rolle. Rosa Liksom, die Autorin von "Abteil Nr. 6" ist Finnin und hat lange Zeit selbst in Russland gelebt und gearbeitet. Ihre Geschichte einer namenlosen Frau und eines russischen Ex-Straftäters steckt voller Details, schrecklicher Geschichten und riecht nach kaltem Wodka und Zwiebeln. Das Zugabteil wird zur Bühne für ein Zwei-Personen-Stück.


Der Mann rieb sich die Knie, als die junge Frau das Abteil betrat. Aus den beigen Plastiklautsprechern auf dem Gang kam eine Romanze von Tschaikowksi. Zurück bleibt Omsk. Die geschlossene Stadt. Das ermüdete, von der Taiga aufgesaugte, gute, alte Omsk, von dem die Jugend nichts wissen will. Zurück bleibt das Gefängnis, in dem der verbannte junge Dostojewski knapp dem Tod entrann, zurück bleibt das leblose Denkmal von Dostojewski im Mannesalter, [..]zurück bleiben die Schlangen vor dem Schuhgeschäft, die müde Erde, die grau verschossene Reihe der Blockhüttendatschas. Das ist noch Omsk. Ein einzelnes neunzehnstöckiges Haus mitten in den Feldern, fünfhundert Kilometer Ölleitung, die gelben Flammen und der schwarze Rauch der Ölfördertürme. Wald, Lärchen, Birken, Wald, das ist nicht mehr Omsk, ein unter der Schneelast zusammengebrochenes Haus. Der Zug stampft durch das verschneite, leere Land. Alles ist in Bewegung: Schnee, Wasser, Luft, Bäume, Wolken, Wind, Städte, Dörfer, Menschen und Gedanken.
Darum geht es

Eine junge namenlose Frau besteigt die Transsibirische Eisenbahn von Moskau nach Ulan-Bator. Im Abteil Nr. 6 sieht sie sich mit einem Russen konfrontiert, der nicht nur säuft wie ein Loch, sondern obendrein Geschichten seiner unrühmlichen Taten erzählt. Alles an ihm scheint abschreckend, aber je länger ihre gemeinsame Reise dauert, desto mehr wird der grausige Mann zu ihrem Helfer. 

Das meine ich

"Abteil Nr. 6" ist ein Kammerspiel mit Unterbrechungen und der Monolog eines rüpelhaften, gewalttätigen Mannes. Und obwohl dieser Mann auf den ersten Blick so abstoßend erscheint kann man anfangen, ihn zu mögen. Mit jedem Kilometer, den der Zug zurücklegt, kommt hinter der Maske aus Prahlerei ein Charakter hervor, den man dort nicht erwartet. Unverblümt spricht er aus, was er von seinem Staat hält, von den Frauen, vom Leben, vom Alkohol. Je betrunkener er wird, desto offener wird sein Monolog und nicht nur einmal möchte man mit der jungen Frau zusammen das Abteil verlassen. Denn alles, was geschieht, erfährt man aus dem Blickwinkel dieser jungen Frau, die niemals einen Namen bekommt. Es ist ihre subjektive Wahrnehmung, die wir teilen und auch ihre Erinnerungen, die offengelegt werden. Auf dieser zweiten Ebene wird die Geschichte der Beziehungen der jungen Frau zu ihrem Freund Mitka und seiner Mutter Irina erzählt, die überhaupt erst den Anlass zu dieser Reise bilden.

Rosa Liksom gelingt es, mit wenigen Worten sehr viel zu erzählen. Oft sind es nur Andeutungen, Details, die in Gestalt von Ellipsen daherkommen, die vom Leben in der Sowjetunion erzählen. Vor allem ihre Beschreibungen der Landschaften und der vorbeiziehenden Städte sind enorm lebendig und so trostlos sie manchmal erscheinen, lassen sie doch eine Reisesehnsucht aufkommen, der man folgen möchte.

Alles in Allem

"Abteil Nr. 6" zu lesen, ist, als ob man in diesem Zug säße und die Landschaften fliegen vorbei und alles was davon bleibt, sind kleine Eindrücke, die sich am Ende zu einem großen Bild zusammensetzen lassen. Die Erzählung ist so dicht, dass es eine Weile braucht, bis man dieses große Bild vom Leben in der Sowjetunion der 1980er Jahre zusammengesetzt hat.

Bechdel-Test

Die Geschichte bietet nicht viel Raum für die Interaktion zweier Frauen, denn der größte Teil spielt sich zwischen den zwei Reisenden im Abteil ab. Dazu kommt, dass die Hauptfigur namenlos bleibt und meistens schweigt. Wenn sie spricht, wird ihre Rede nur in wiedergegebener Form angedeutet.
Auf der Erinnerungsebene gibt es Beschreibungen von Interaktion zwischen der jungen Frau und Mitkas Mutter Irina. Zwischen den beiden Figuren entwickelt sich ein lesbisches Verhältnis. Es wird deutlich, dass die beiden auch über Dinge sprechen, die sich nicht mit Männern befassen. Insgesamt kann großzügig mit [2/3] bewertet werden. 

Rosa Liksom
"Abteil Nr. 6"
Deutsche Verlags-Anstalt, 2013
224 Seiten


Gelesen: Deathless

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24. Juli 2013 von

via amazon
Russland hat eine lange Märchentradition. Die Märchenwelt wird von allerlei Gestalten bevölkert, von denen vielleicht Baba Yaga die bekannteste ist. "Deathless" verbindet in einzigartiger Weise das Märchen "Der Tod von Koschei dem Todlosen" mit der Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert. Marya Morevna ist in diesem Roman ein junges Mädchen, dass von Koschei aus dem St. Petersburg der 1920er Jahre als Braut entführt wird und Ivan Nikolaevitch wird zum Soldaten der Roten Armee. Catherynne Valente hat hier eine Geschichte erschaffen, die nur so vor Blut trieft - so wie auch das 20. Jahrhundert.

'I will not get married.' Marya whispered.
 
'Easy to say, devotchka; not so easy to keep the house standing, when the wolf comes thumping his tail in the grass. Listen, Masha, listen to Old Zvonok who knows you. Prick your finger with a needle and let the blood fall over your threshold - it will hurt less. Men, they feel nothing like what we must endure. You have to make room in yourself for him, and that is the same as in a house as in a body. See that you keep some rooms for yourself, locked up tight. Just remember that the only question in a house is who is to rule. The rest is only dancing around that, trying not to look it in the eye.'
Darum geht es

Marya Morevna, aufgewachsen in St. Petersburg, ist die jüngste von vier Schwestern, die nacheinander von jungen Männern umworben wurden. Sie, die letzte unverheiratete Tochter, ist für Koschei vorgesehen, der in einer Winternacht des Jahres 1925 auftaucht und sie in sein Reich mitnimmt. Aber auch Koscheis Reich ist nicht mehr das, was es einmal war. Die Partei und ihre Genossen finden sich auch in dieser Märchenwelt an jeder Stelle wieder. Je grausamer der Verlauf der Weltgeschichte wird, umso heftiger und aussichtsloser wird der Kampf zwischen Koschei, Tsar of Life und Vyi, Tsar of Death und Marya Morevna steckt mittendrin.

Das meine ich

"Deathless" bewegt sich fernab der Tolkien'schen Tradition - nicht nur in Bezug auf das Sujet, sondern vor allem auch in seiner Sprache. Die Poesie der Märchensprache verbindet sich mit der Beschreibung der harten Fakten der russischen Geschichte zu einem wilden Traum. Wann immer Marya auf Koschei trifft, wird das Begehren der beiden Figuren fassbar und verdichtet sich zu einer dunklen, gewaltbereiten Erotik, die so gar nichts mehr mit den höfischen Liebesvorstellungen anderer Fantasyromane zu tun hat. An jeder Ecke wimmelt es von Dämonen, Geistern und Märchenwesen, die auf groteske Art und Weise die Bürokratie der Stalin-Ära imitieren. Auch in Koscheis Reich gilt: Was in deiner Akte steht ist die Wahrheit und kann schneller deinen Tod bedeuten, als du denkst.

Alles in Allem

Wer von Fantasyromanen voller positiver Helden, Elben und Orks mal die Nase voll hat, sollte sich "Deathless" zu Gemüte führen. Alles an diesem Roman ist dunkel, teilweise brutal und vor allem deshalb so wirklich, weil Koscheis Reich nur ein Spiegel ist für den Horror von Krieg und Deportation im Russland des 20. Jahrhunderts.

Bechdel-Test
Auch wenn ein großer Teil der Handlung sich vorrangig mit der Frage "Who is to rule?" in Sachen Ehe beschäftigt, gibt es hier und da Momente, in denen 2 Frauengestalten sich anderen Dingen widmen - am herausragendsten vielleicht die Konversationen zwischen Marya Morevna und Baba Yaga. Das Ergebnis sind volle [3/3].


"Deathless"
Catherynne M. Valente
Corsair, 2011
352 Seiten


Gelesen: Preussens Luise

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20. Juli 2013 von

via amazon
Wer sich ein wenig mit der Literatur der DDR befasst hat oder an der Geschichte Preußens interessiert ist, wird den Namen Günter de Bruyn schon gehört haben. Der 1926 geborene Schriftsteller ist nicht nur für seine realistischen Romane bekannt, sondern auch für seine formvollendeten Essays, zu denen auch "Preussens Luise. Vom Entstehen und Vergehen einer Legende" gehört. 

Kurzweilig gibt dieser Essay einen Überblick über das Leben der mecklenburgischen Prinzessin Luise - Frau des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., Mutter des späteren deutschen Kaisers Wilhelm I. Diese früh verstorbene Königin wurde schon in ihrer Zeit und vor allem nach ihrem Tod veehrt und galt als Lichtgestalt der preußischen Geschichte. Ihre Begegnung mit Napoleon in Tilsit ist legendär.

Günter de Bruyn hat für seinen Essay viele Zeugnisse und Dokumente zum Leben der preußischen Königin zusammengetragen und verwebt sie mit seiner eigenen Sprache zu einem umfassenden Bild. Dabei legt er die Wurzeln dieser Verehrung offen, unterlässt es aber, selbst zu sehr ins Schwärmen zu geraten. Ergänzt wird der Text durch die vielen Abbildungen der Gemälde, Skulpturen und Skizzen, die die Königin zeigen.

Als Einblick in ein Kapitel der preußischen Geschichte ist "Preussens Luise" uneingeschränkt zu empfehlen und kann als Startpunkt für ein tieferes Studium der preußischen Geschichte dienen. Die Literaturliste im Anhang bietet dazu viele Möglichkeiten.

Günter de Bruyn
Preussens Luise. Vom Entstehen und Vergehen einer Legende
Siedler Verlag, 2001
144 Seiten


Gelesen: Am Anfang war die Nacht Musik

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14. Juli 2013 von

Ein ganzer Roman über Musik, über einen Wunderarzt und die Wiener Gesellschaft im 18. Jahrhundert - Alissa Walser hat es damit in den ZEIT Wissenschaftsroman-Kanon geschafft. "Am Anfang war die Nacht Musik" schildert in einer sehr eigenwilligen Sprache, wie der Wiener Arzt Franz Anton Messmer die blinde Pianistin Maria Theresia Paradies heilen soll und scheitert.


In ihre Locken sind Bänder und Schleifchen geflochten. Und Glöckchen. Die führen rings herum wie eine Prozession.
Mesmer umkreist sie wie einen Planeten. Was ist falsch? Der Planet muss um den Stern kreisen. Und sich drehen dabei. Der Stern will die Seiten sehen. Alle. Auch die dunkelsten. [...] Der dramatische Faltenwurf ihres himmlischen Kleides, die Risse in der pudrigen Maske, die blassblau gesprenkelten Eierschalen in ihrem Haar. Nichts als eine Inszenierung des Wahren im Wirklichen, denkt er. Und natürlich alles gut gemeint. 
Darum geht es

1777 praktiziert der bekannte Arzt Franz Anton Mesmer in Wien und versucht mit seiner neuen magnetischen Methode Patienten zu heilen. Was ihm jedoch noch fehlt ist die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen der Kaiserin selbst. Als die Eltern der blinden Pianistin Maria Theresia Paradies ihn bitten, die Tochter mithilfe seiner Wundermethode zu heilen, scheint sich die Chance zu bieten, endlich aufzusteigen. Schnell erkennt Mesmer, wie er sich seiner Patientin nähern kann und es entsteht eine höchst persönliche Beziehung zwischen diesen beiden Menschen. 

Das meine ich

Schnell wird klar, dass die Blindheit der Pianistin Maria Theresia nicht körperlich bedingt ist, sondern vielmehr Ausdruck einer psychischen Qual. Und auch wenn dem Arzt Mesmer die heute bekannten Grundlagen der Psychoanalyse und deren Begrifflichkeiten fehlen, so entwickelt sich zwischen Arzt und Patientin schnell eine Situation, die der heutigen Gesprächstherapie entspricht. Die Beziehungen der Figuren zueinander und ihre Selbstbetrachtung steht im Vordergrund; die Geschichte des Romans ist nur ein Rahmen für Reflexionen über Erziehung, den eigenen Körper und Sexualität (insbesonders weiblicher Sexualität).
Überhaupt ist die Art des Erzählens das stärkste Element des Romans. Statt des üblichen Präteritums wird als Zeitform Präsens verwendet. Wenn Maria sich Mesmer langsam öffnet kann man ihr Zögern förmlich in den Ellipsen und Ein-Wort-Sätzen greifen. Die Grenze zwischen Gespräch und Innenansichten verschwimmen und werden auch typographisch kaum markiert. Direkte Rede erscheint nicht mit Anführungszeichen, sie wird vielmehr in wiedergegebener Form direkt in den Erzähltext integriert. 

Bechdel-Test

Alle Kriterien sind erfüllt. [3/3]

Es gibt mehrere Gespräche zwischen namentlich bekannten Frauenfiguren (Maria und ihre Mutter, Maria und Katrine), in denen es nicht um Männer geht. Allerdings bleibt das Umfeld der Figuren deutlich männlich geprägt und den größten Raum nimmt die Beziehung zwischen Maria Theresia Paradies und dem Arzt Messmer ein. Diese ist jedoch nicht von sexuellen Bezügen zwischen den beiden geprägt. 

Alles in Allem

"Am Anfang war die Nacht Musik" besticht vor allem durch seine eigensinnige Sprache, die viel Raum für eigene Interpretation lässt. Allerdings kann der Roman nicht völlig überzeugen und gehört zu den schwächeren Werken in der Reihe der ZEIT-Wissenschaftsromane. 


Alissa Walser
Am Anfang war die Nacht Musik
Piper, 2010
256 Seiten
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Gelesen: Meine Ostsee

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9. Juli 2013 von

 photo DSCN0899.jpg Die Stadtbibliothek Greifswald bietet eine Reihe Bücher mit regionalen Inhalten. Neben Büchern zu Vorpommern gibt es auch Romane, Anthologien und Sachbücher zur restlichen Ostseeregion. Ich habe mir in der letzten Woche einige davon mitgenommen, denn Vorpommern ist inzwischen so zu meiner Heimat geworden, dass Literarisches zur Region genau das Richtige für mich ist. Nummer eins in der Reihe ist "Meine Ostsee. Literarisches von Flensburg bis Usedom", herausgegeben von Gregor Grumpert und Ewald Tucai.

[...] - und da liegt Mütterchen Ostsee. Die Straße führt durch Haffkrug, Scharbeutz, Timmendorfer Strand.
Wir sind im Herbst, und Villen, Hotels und Kurhäuser stehen leer; nur hier und da ragt noch ein Strandkorb mit Wimpeln und einer Fahne; die Manikürfräulein sitzen gelangweilt vor den Frisiersalons in der Sonne und putzen sich selber die Nägel, um nicht aus der Übung zu kommen; Hunde lungern herum und schnüffeln in alten Zeitungen, lesen und heben ein Bein, die Ostsee ist eigentlich schon zugedeckt.

Darum geht es

Kurt Tucholsky, aus dessen Skizze "Fahrt ins Glück" das Zitat stammt, ist nur einer der vielen Autoren, die die beiden Herausgeber zusammengetragen haben, um diese kurzweilige Anthologie zu füllen. Die Texte stammen aus einem Zeitraum ab Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Nicht nur berühmte Autoren kommen hier zu Wort, sondern auch solche, die heute nur noch wenig bekannt sind. Viele von ihnen sind auf die eine oder andere Weise mit den beschriebenen Gegenden verbunden, andere kommen zur Erholung an die Ostsee. In den 7 Kategorien finden sich so Texte, in denen über Quallen nachgedacht wird (Alfred Kerr - "Quallen"), Briefe aus dem Urlaub (Rainer Maria Rilke, Franziska Gräfin zu Reventlow), romantische Volkssagen (Adelbert von Chamisso) und sehnsuchtsvolle Texte, die die Heimat beschreiben (Ernst Moritz Arndt, Thomas Mann).

Das meine ich

Die Texte in "Meine Ostsee" sind so vielfältig wie das Meer selbst. Heiteres steht neben Ernsthaftem; es finden sich private Beobachtungen, Geschichtliches, Lyrik - für jeden Leser sollte das Richtige dabei sein. Im besten Fall schlägt man am Ende die Namen und Daten der Schriftsteller nach und liest in ihren Büchern weiter; im schlechtesten Fall hat man ein paar entspannte Stunden mit Texten verbracht, die das Meer in greifbare Nähe rücken.

Alles in Allem

Eine schöne Anthologie, die man zu jeder Jahreszeit wieder zur Hand nehmen kann und die Lust macht, neue Autoren zu entdecken.

Meine Ostsee. Literarisches von Flensburg bis Usedom
Gregor Gumpert/Ewald Tucai
Wachholtz Verlag Neumünster 2013
247 Seiten


Gekocht: Vegan Sandwiches save the Day!

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5. Juli 2013 von

Vorweg möchte ich kurz bemerken, dass ich weder Veganerin noch Vegetarierin bin. Aber trotzdem brauche ich zu vielen Mahlzeiten kein Fleisch und habe Freunde, die sich vegetarisch oder vegan ernähren oder an Lebensmittelallergien leiden. Damit das Essvergnügen für alle möglich wird, sammle ich Rezepte und Kochbücher, die alle Kriterien erfüllen.
"Vegan Sandwiches save the Day!" von Celine Steen und Tamasin Noyes ist eine Buchentdeckung, die ich auf dem Blog  Vegan Eats & Treats gemacht habe, dem zu folgen übrigens sehr lohnenswert ist. 


Was ist drin?

Wie der Titel schon verrät geht es in diesem Buch nur um Rezepte für Sandwiches, die sich allerdings doch häufig von dem unterscheiden, was ich und Menschen meiner Umgebung als Sandwich definieren. Die Rezepte werden in Kategorien geordnet und jedes Kapitel beschäftigt sich mit einer Gruppe, z.B. Sandwiches fürs Frühstück, süße Sandwiches, kalte Sandwiches für jede Gelegenheit und klassische Rezepte in veganer Abwandlung. Am Ende findet sich noch ein ausführliches Kapitel zum Thema Brotteig mit Rezepten für mehrere Sorten.


Was habe ich ausprobiert?

"Berry-stuffed French Toast Pockets" und "Cinnamon Swirl Bread"

Ich habe in diesem Fall das Brot mit dem Rezept für die Taschen kombiniert. Die Anleitungen waren beide sehr verständlich und wer sich eine Tabelle für die Umrechnung amerikanischer Einheiten dazulegt, sollte gar kein Problem haben. Das Zimtbrot schmeckt ganz wunderbar, ist schön fluffig und hält sich auch eine Weile. Zusammen mit der Beerenfüllung und dem Ahornsirup war das ein perfektes Frühstück.

"Green Monster Bread"
Ich habe das Brot lieber als Bötchen gebacken und das war auch eine gute Entscheidung. Es macht unglaublich satt und man kann es mit allen möglichen Dingen belegen, denn wirklich nach Spinat schmeckt es nicht. Wenn man es als Brötchen bäckt, kann man die Hälfte auch einfach einfrieren, denn dieses Brot bleibt nicht sehr lange frisch. Lecker ist es dennoch auch am 2. oder 3. Tag noch.

Mehr konnte ich leider noch nicht ausprobieren, da meine eigene Küche nicht mal einen Backofen hat.

Bewertung

"Vegan Sandwiches save the Day!" verdient seine 5 Kochlöffel absolut. Die Brotteigrezepte sind großartig, die Rezepte der Sandwiches köstlich und die Aufmachung übersichtlich strukturiert mit klaren Anweisungen. Mit ca. 15 € für die Taschenbuchausgabe beim lokalen Buchhändler eine lohnende Investition.

Vegan Sandwiches save the Day!
Celine Steen, Tamasin Noyes 
Fair Winds Press 2012
192 Seiten
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Gelesen: Eduard von Keyserling - Wellen

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27. Juni 2013 von

"Und immer wieder das Meer...", so war mein ebenso immer wiederkehrender Gedanke zu diesem hübschen kleinen Sommerroman von Eduard von Keyserling. Ich habe mal in Estland einen deutschen Touristen sagen hören, dass die Ostsee doch überall gleich wäre. Zu gern würde ich diesem Menschen "Wellen" in die Hand geben und hoffen, dass er seinen Irrtum erkennt. Hier rauscht es, tobt, plätschert, glitzert, kräuselt sich, die Wellen torkeln betrunken, schäumen, springen, dass es eine wahre Freude ist weiterzulesen.


Es fiel sie hier plötzlich ein unerträglich starkes Verlangen nach dem Meer im Mittagssonnenschein [...] an, wie es ja zuweilen geschieht, dass sie Sehnsucht nach einer vergangenen glücklichen Stunde uns so stark anpackt, dass es schmerzt, und sie musste davon sprechen: "Der Baron Hamm sagt", begann sie, "dass Meer sei heute grün, durchsichtig und süß wie russische Marmelade."
Darum geht es

In einem warmen Sommer finden sich die Urlaubsgäste am Ostseestrand ein: Im Gasthaus "Bullenkrug" hoch oben auf der Düne die gesellschaftlich anerkannten - unter ihnen die Generalin von Palikow mit ihre Tochter Frau von Buttlär, den 2 Töchtern und Sohn, Ehemann und Verlobtem der Tochter Lolo. Unten am Strand jedoch wohnt bei den Fischerhäusern die Gräfin Doralice, die ihren Ehemann für den Maler Hans Grill verlassen hat und von der Gesellschaft gemieden wird. Zwischen dem Meer und den Dünen entspinnt sich eine Liebesgeschichte, die so ganz anders endet, als erwartet.

Das meine ich

Eduard von Keyserling wurde 1855 in Kurland geboren und das Baltikum findet sich in seinen Erzählungen, Novellen und Romanen in jeder Zeile wieder. Die Sprache des Autors ist so zart und so poetisch, dass selbst Mondscheinquadrillen nicht mehr kitschig erscheinen. 
"Wellen" steckt voller Oppositionen: Meer und Dünen, oben und unten, gesellschaftlich anerkannt und verstoßen und vor allem Doralice hinter dem Fenster und die anderen, die zu ihr hineinsehen. Es ist, als lese man ein Kammerspiel, in dem das Meer ein eigenständiger Protagonist ist, reflektiert es doch immer wieder auch die emotionale Lage. Nichts lenkt ab von der Handlung - die Umgebung fügt sich nahtlos ein und sie ist wie das ganze Baltikum: karg, grün, blau, sandig und vor allem ereignislos.

Alles in allem

"Wellen" ist ein Kleinod des Impressionismus, ein Roman, den man am besten an einem sonnigen Plätzchen in der Düne an einem trägen Nachmittag liest. Wer keine Düne hat, der liest ihn woanders und fühlt sich beim Lesen dennoch ans Meer versetzt. Mich jedenfalls hat nicht nur die Sehnsucht nach dem Meer, sondern auch nach Kurland mit seiner weiten Einsamkeit gepackt.

Eduard von Keyserling: Wellen
erstmals erschienen 1911
dtv 2010, 173 Seiten


Gelesen: "The Name of the Wind"

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20. Juni 2013 von


via amazon
Nachdem Herr Aussicht schon seit mindestens 2 Jahren immer wieder sagte, dass ich "The Name of the Wind" doch endlich lesen könne, habe ich mich jetzt endlich dazu entschieden. Dafür wurde sogar der E-Book-Reader wieder herausgekramt, der für einige Monate ein staubiges Eckendasein fristen musste. Hier also mein Bericht zum "Buch-das-du-endlich-lesen-solltest".

"The Name of the Wind" ist der erste Roman von Autor Patrick Rothfuss und Teil der so genannten "King Killer Chronicles", einer Trilogie. Das Buch erschien 2007 und die Reihe wurde inzwischen mit "The Wise Man's Fear" fortgesetzt. Die ursprüngliche Ausgabe hatte ein Cover, über das man eigentlich nur lachen kann. Man kann es noch bei Wikipedia betrachten. Ich habe die englische Ausgabe schon letztes Jahr für einen E-Reader gekauft und seitdem nie wieder reingeschaut. Herr Aussicht besitzt natürlich eine sehr schöne Ausgabe, die er immer wieder fleißig liest.

Darum geht es
I have stolen princesses back from sleeping barrow kings. I burned down the town of Trebon. I have spent the night with Felurian and left with both my sanity and my life. I was expelled from the University at a younger age than most people are allowed in. I tread paths by moonlight that others fear to speak of during day. I have talked to Gods, loved women, and written songs that make the minstrels weep. My name is Kvothe. You may have heard of me.
Schon der erste Satz des Buches verspricht also viel. Kothes Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt - Gegenwart und Vergangenheit. Kvothe erzählt in der Gegenwart dem Chronicler in einem Inn irgendwo im Hinterland seine Geschichte. Und die hat es in sich: Als Kind fahrender Künstler erlebt Kvothe bis er 15 ist schon Dinge, die man keinem wünschen möchte. Die Eltern werden ermordert und der Sohn landet obdachlos auf den Straßen einer Großstadt. Aber natürlich kann er aus dieser Situation entkommen und schafft es, in die Universität aufgenommen zu werden. 
Wie aber schon bei vielen anderen Figuren ist natürlich das Trauma des Elternmordes treibende Kraft und Motivation hinter den Handlungen der Hauptfigur. Kvothes Eltern sind einer Gruppe mythischer Wesen zum Opfer gefallen, die es nun zu finden gilt. Rache ist eben doch immer wieder eine starke Kraft.

Das meine ich

Patrick Rothfuss' Debüt "The Name of the Wind" ist eine unterhaltsame Erzählung, die ihre guten und schlechten Seiten hat. Während Rothfuss' Stil wirklich gut ist und seine Sprache vielfältig und lebendig daher kommt, ist die Plotstruktur weniger ansprechend gestaltet. Kvothes Geschichte in der Ich-Perspektive scheint Rothfuss mehr zu liegen als die eingeschobenen Kapitel der Rahmenhandlung, die dann in 3. Person geschrieben sind. Für den Fortgang der Handlung erscheinen einige dieser Kapitel nicht wichtig, diskutiert doch hier die Hauptfigur nur nebensächliche Aspekte ihrer Geschichte. Insofern lenken sie von der eigentlich interessanten Erzählung ab und stören den Lesefluss. Kvothes Geschichte selbst ist an mancher Stelle langatmig und zu ausgedehnt, um wirkliche Spannung aufkommen zu lassen, insgesamt aber interessant genug, um das Buch nicht so leicht aus der Hand zu legen.

Mit Kvothe hat Rothfuss eine Hauptfigur geschaffen, die man lieben und hassen kann. Die interne Fokussierung (Ich-Autor-Perspektive) lässt uns an allem teilhaben, was in Kvothe von Statten geht - so auch an seiner gelegentlichen maßlosen Selbstüberschätzung und vor allem an seiner Ignoranz in Bezug auf so einige weltliche Dinge. Rothfuss hat Kvothe mit einigen Eigenschaften ausgestattet, die man auch aus anderen Büchern verwandter Genres schon kennt.

Negativ fällt auf, dass Frauen bei Rothfuss keine sonderlich eigenständige Rolle spielen und immer dann auftauchen, wenn sie als Helferin oder nettes Beiwerk gebraucht werden. Denna ist eine anstrengende Figur und Rothfuss' Versuch, sie geheimnisvoll und tiefgründig erscheinen zu lassen, sind leider etwas fehlgeschlagen. Die Beziehung zu Kvothe ist auch nicht sehr vielversprechend - eine fesselnde Liebesgeschichte sieht anders aus. Hoffen wir, dass sich dieser Umstand im zweiten Band noch ändert.

Alles in Allem

"The Name of the Wind" ist ein recht ordentlicher Debütroman mit sehr gelungener Sprache und weniger gelungener Erzählstruktur. Die Geschichte macht Lust auf eine Fortsetzung, in der hoffentlich einige der vielen offenen Fragen geklärt werden.


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