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Brigitte Reimann - Franziska Linkerhand

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17. Juni 2015 von

Franziska Linkerhand  - was ist es denn nun eigentlich?

Ein Liebesroman? Ich gebe zu, ja, da ist Ben, da ist das Zimmer in Berlin. Da sind die kitschigen Szenen mit heißen Küssen und Schutz unter der olivgrünen Windjacke. An Männern mangelt es wahrlich nicht in diesem Roman und wer genau hinschaut, erkennt schnell, dass schon die Erzählweise verrät, welche Männer sexuelles Begehren für Franziska empfinden. Nur der Vater, dieser Intellektuelle aus dem 19. Jahrhundert, ist davon ausgenommen. Alle anderen sind von der Lust getrieben und Franziska kennt ihr Innenleben. 



Ein Produktionsroman? Das mag man zu Beginn glauben, aber Franziska Linkerhand ist nicht Ankunft im Alltag, auch wenn die Kritiker der DDR das gern so gesehen hätten. Walter Lewerenz hätte noch so viel schreiben können davon, dass die Reimann ein positives Ende wollte, in dem Franziska nach Neustadt zurückkehrt. Am Ende wissen wir es doch nicht, denn Brigitte Reimann hatte keine Zeit mehr, den Schluss zu schreiben. Und so können wir nur hypothetisch über einen Schluss sprechen, den es nicht gibt.

Ist es ein Frauenroman? Auch Frauen gibt es einige in Franziska Linkerhand und die Autorin gibt ihnen nicht nur eine, sondern viele Stimmen, denn auch Franziskas Abschiedsbrief ist ein Chor: Hier spricht nicht nur die Franziska, die in Neustadt gescheitert ist, hier spricht auch die jugendliche Franziska, die liebende, die hassende, die rasend eifersüchtige, die desillusionierte, die entfremdete Franziska. Sie tut es in der Form des "ich" und des "sie", im Präteritum und im Präsens und sie lässt andere sprechen. Zum Beispiel Gertrud, gegen deren trostloses Leben Franziskas Scheitern sich ausnimmt wie ein tiefer Kratzer gegen einen Bauchschuss. Die Freundfeindin sieht am Ende keinen Ausweg mehr und wählt den Freitod.

Am Ende bleibt die Feststellung, dass Franziska Linkerhand all das ist und noch viel mehr. 10 Jahre hat Brigitte Reimann an diesem letzten Buch, an ihrem "Experiment" geschrieben. Sie war sich nie sicher, ob ihr "Unglücksbuch" jemals veröffentlicht wird und wir haben es anderen zu verdanken, dass das Manuskript nicht verloren gegangen und Franziskas Stimme ungehört geblieben ist. Noch wichtiger ist dabei die Neuausgabe des Romans von 1998, in der die Kürzungen und Zensuren rückgängig gemacht wurden und damit die eigentliche Franziska wieder zu Tage tritt. Und als "Experiment" sollten wir es auch lesen und dabei nicht vergessen, dass hier eine Autorin bis zu ihrem Tod geschrieben hat und keine Zeit mehr blieb, den Text zu ordnen und straffen. Aber genau darin liegt vielleicht der Reiz von Franziska Linkerhand. Es ist wahrlich kein einfaches Buch, aber ein lohnenswertes ist es doch allemal.


Mal rauskommen: Literarische Entdeckungen im Oderbruch

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31. Mai 2015 von

Das Pfingswochenende war wieder eine gute Gelegenheit, mal wegzukommen aus den eigenen vier Wänden. Diesmal kommt die Entdeckung von Rebecca, die mit mir eine Behausung und viel Enthusiasmus für Literatur teilt. Ihre (leider) seltenen Blogbeiträge auf dem eigenen Blog sind definitiv auch einen Besuch wert!

Wer denkt, dass es abseits von Potsdam nichts Kulturelles in Brandenburg gibt, der hat weit gefehlt. Auf den Spuren Theodor Fontanes weilend, entdeckten wir bei unseren Fahrradtouren den ehemaligen Sitz der Friedländer Frauen in Kunersdorf.


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Dmitry Glukhovsky: Metro 2033

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3. Mai 2015 von

Neben Sergej Lukianenko ist Dmitry Glukhovsky der Sci-Fi-Schriftsteller Russslands der Gegenwart, den man auch hierzulande wahrnimmt. Metro 2033 und der Nachfolger Metro 2034 haben eine ganze Welle von Begeisterung ausgelöst: Neben einer ganzen Reihe von Co-Autoren, die weitere Geschichten aus dem Metro-Universum schreiben, wurde auch ein Computerspiel veröffentlicht (das leider nur wenig von der Originalstory wiedergibt).

via amazon
Die Ausgangssituation ist ein Klassiker des Genres: Nach einem internationalen Atomkrieg haben sich die Überlebenden vor ungefähr 20 Jahren in das Moskauer U-Bahnsystem geflüchtet, wo sie nun in relativer Dunkelheit mithilfe von Schweinefleisch und Pilzen überleben. Draußen aber ist eine Welt, die nun von neuen Kreaturen bevölkert wird, die den Menschen feindlich erscheinen und deren Eindringen in die U-Bahn sie immer wieder abzuwehren versuchen. Aber nicht nur von außen kommt die Gefahr, denn das U-Bahnnetz teilt sich in Bereiche, in denen sich die politisch verschiedensten Fraktionen etabliert haben und untereinander konkurrieren: Neonationalisten, Kommunisten, Kapitalisten, Monarchie, Anarchie - Die Metro bietet alles.

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Kurzrezension: Angelika Klüssendorf - April

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2. April 2015 von

Angelika Klüssendorf war mir bisher unbekannt, bis "April" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises erschien. Ich habe es vor einigen Monaten spontan gekauft und dann innerhalb kürzester Zeit gelesen. So viel Trotz und Machtlosigkeit auf so wenigen Seiten habe ich schon lange nicht mehr erlebt und es war eine Freude, immer weiter zu lesen. "April" ist kein DDR-Roman, denn die Kulisse ist eigentlich fast schon egal. Im Mittelpunkt steht diese junge Frau, deren Leben kein Zuckerschlecken war (der Vorgänger "Das Mädchen" gibt Aufschluss) und auch noch immer nicht ist. Es ist ein ewiger Kampf mit sich selbst und mit anderen, den die Autorin hier präsentiert. In knapper Sprache und auf recht wenig Raum passiert viel und es passiert direkt. "April" ist ein Buch, das man mehrfach lesen kann.


Christian Kracht - Imperium

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4. Oktober 2014 von

via Fischer
Als Imperium erschien, ging das und auch die folgende Debatte ganz an mir vorbei. Erst jetzt, 2 Jahre nach seinem Erscheinen habe ich diesen Roman gelesen. Und dann habe ich ihn noch einmal gelesen. Und mich gewundert - über Georg Diez, der mit "Die Methode Kracht" eine Rezension im Spiegel geschrieben hat, die ich so gar nicht nachvollziehen kann (und nicht nur ich, wie es scheint). Dietz wirft Kracht eine antisemitische Grundhaltung vor und dass er "antidemokratische Inhalte in den Mainstream" brächte. Interessanterweise ist es aber gar nicht mal so sehr Imperium als Roman, auf dem Dietz seine Argumentation aufbaut, sondern vielmehr klaubt sich der Autor aus allen Veröffentlichungen Krachts zusammen, was ihm passt. Allerdings übersieht er dabei etwas Entscheidendes: die Ironie, die so viel in den Romanen von Kracht ausmacht und die mit großer Vorsicht zu genießen ist, denn auch bei Kracht hat sie einmal ein Ende.

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Daniel Kehlmann - F

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13. Juni 2014 von

via Rowohlt
Schon eine ganze Weile lag Kehlmanns Roman auf meinem Stapel und hat darauf gewartet, dass ich endlich bis zu ihm vordringe. Letzte Woche endlich habe ich es auch geschafft und innerhalb von wenigen Tagen war's auch schon wieder vorbei. Kehlmann liest sich eben wie Kehlmann und nicht wie Clemens Meyer, an dessen Als wir träumten ich wochenlang herumlas. Eine einfache Sprache, die in ihrer Einfachheit jedoch bei weitem nicht ungeschickt ist, lässt den Leser geradezu dahingleiten. Die Handlung ist bei genauerer Betrachtung gar nicht so umfangreich - interessant ist stattdessen Kehlmanns Versuch, sie aus mehreren Perspektiven wieder aufzugreifen, noch einmal zu erzählen und so die Verstrickungen zwischen den Figuren offenzulegen und eben auch ihr Schicksal, das vom Handeln anderer abhängig ist.

Die drei Brüder Martin, Ivan und Eric sind interessante Figuren, die in ihrer jeweiligen Persönlichkeit so unterschiedlich sind, dass kaum Langeweile aufkommen kann. Jeder von ihnen kämpft mit seinen eigenen Dämonen, sei es der ewige Zweifel am eigenen Glauben, Paranoia oder ein Doppelleben, dass sich im Fall der Zwillinge Ivan und Eric hier noch in einer weiteren Dimension auftut. Über allem steht der abwesende Vater Arthur Friedland, der Auslöser für die Ereignisse ist. Sie alle verbindet jedoch eines: Sie sind Lügner, sie sind Heuchler und auch Feiglinge.

Trotz allem bleibt F für mich ein distanziertes Buch. Man kann dem Autor kaum etwas vorwerfen, stilistisch ist es sehr gut, wie alles, was Kehlmann schreibt. Und dennoch fehlt mir ein letzter Funken, der einfach nicht überspringen möchte. Alles erscheint so in sich geschlossen und so autark, dass sich ein Leser wie ein Eindringling fühlt. Man steht am Rand des Geschehens, bekommt alles serviert und realisiert die Heftigkeit so mancher Szenen aufgrund ihrer Geschliffenheit erst sehr viel später. Ein wenig mehr Rotz hätte der Sache vielleicht gut getan.

An dieser Stelle noch ein Zitat, dass mir geblieben ist:
Die Lichter der U-Bahn schrumpfen, werden zu einem einzigen Fleck und verlöschen. Die Schönheit braucht keine Kunst, sie braucht auch uns nicht, sie braucht keine Betrachter, im Gegenteil. Gaffende Leute nehmen ihr etwas weg, am hellsten flammt sie, wo keiner sie sieht: weite Landschaften ohne Häuser, die Wolkenspiele des frühen Abends, das verwaschene Rotgrau alter Ziegelmauern, kahle Bäume im Winternebel, Kathedralen, das Abbild der Sonne in einer Ölpfütze, die Spiegeltürme der Insel Manhattan, der Blick aus einem Flguzeugfenster, kurz nachdem man durch die Wolkendecke gestoßen ist, die Hände alter Menschen, das Meer zu jeder Tageszeit und menschenleere U-Bahn-Stationen wie diese - das gelbe Licht, das Zufallsmuster der Zigarettenstummel auf dem Boden, die abblätternden Plakate, noch immer flatternd im Fahrtwind, obwohl der Zug schon lange verschwunden ist.


#4: Damn this Book!

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4. April 2014 von

Everyone has them - books you should read or you want to read, but it seems you can never read them to the end. Today I'm telling you my (nightmarish) stories about some books that are doomed.

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#2 Building The Wall, Breaking The Wall: East-German Life and Literature

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2. April 2014 von

via wikipedia.
In this post we will have a look at the East-German literature between 1950 and 1989. The gap between the nations is still felt today and I will present some authors, who published novels about life in the GDR in the recent years.

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Aufbruch in neue Welten: Jamaica Kincaid - Lucy

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17. März 2014 von

via Macmillan
Ich gebe zu, dass ich nur wenige Bücher gelesen habe, die außerhalb der westlichen Kultur geschrieben worden sind. Ich kenne weder afrikanische, noch sehr viele asiatische Schriftsteller, von Schriftstellern aus der Karibik ganz zu schweigen. Um so besser, dass mir Jamaica Kincaid in die Hände gefallen ist, die vielleicht einer kurzen Vorstellung bedarf. 

Jamaica Kincaid wurde 1949 in St. John, Antigua unter einem anderen Namen geboren. Sie ist intelligent, geht auf eine weiterführende Schule und beginnt, eine Abwehrhaltung gegen das britische Schulsystem zu entwickeln. Einige Jahre nach ihr kommen noch drei Brüder zur Welt, denen die Mutter ihre ganze Aufmerksamkeit widmet. Jamaica Kincaid verlässt Antigua und geht in die USA, wo sie erst als Au Pair, später als Schriftstellerin arbeitet. Sie gilt als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der Karibik und ihre Themen sind auch nach mehr als 20 Jahren noch immer aktuell. Für Kincaid war die Namensänderung ein wichtiger Schritt in ihrem Leben, denn er ermöglichte ihr, sich von ihrer Vergangenheit als Bewohnerin eines postkolonialen Staates, als Tochter einer konfliktreichen Familie und als Frau mit einer Geschichte zu trennen und sich eine neue, unabhängige Identität zu schaffen.1

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Ein Ort an der Ostsee: Hans Werner Richter

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6. März 2014 von

Hans Werner Richters Geschichten aus Bansin standen ja schon lange auf meiner Wunschliste und ich hatte das Glück, dass mir dieses Buch vor einiger Zeit vo freundlichen Menschen geschenkt worden ist. Weil mein Stapel ungelesener Bücher allerdings bald meine Körperhöhe erreicht hat, dauert es immer länger, bis ich endlich an solche kleinen erholsamen Geschichten herankomme zwischen all den dicken, langen, schweren Erzählungen großer und kleinerer Autoren. Jetzt aber endlich war es zwischen Clemens Meyer und Wolfgang Vulpius (ja genau, diese Famile Vulpius) Zeit, sich mal eine regionale Auszeit zu gönnen.

Richter erzählt in mehreren kurzen Geschichten vom Leben in Bansin - vom Kaiserrreich bis zum Sozialismus. Einerseits ist es auch eine Geschichte des Ortes, wenn er dabei aufzählt, in welcher Zahl die Badegäste zugenommen haben und wie sich die Hotellandschaft verändert. Andererseits stehen oft eben auch die alltäglichen Dinge der Einwohner im Vordergrund. Richter erzählt von den Fischern und wie sein Vater ihn mitnahm, von der zweiten Einkommensquelle der Familie in Form einer Tankstelle und Chauffeursunterkünften und vom Bansin des Sozialismus.

Insgesamt ist es ein nettes Buch für zwischendurch. Die Geschichten sind kurz genug für ein kleines Schmunzeln zwischen anderen Tätigkeiten (ich lese es zur Entspannung zwischendurch in der Bibliothek beim Arbeiten), aber sie sind keine literarischen Glanzpunkte.


Am Ende bleibt ein bisschen Leere: Clemens Meyer - Im Stein

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2. März 2014 von

via Fischer
Ich habe eine gefühlte Ewigkeit an Clemens Meyers Roman Im Stein gelesen. Genau betrachtet hab ich doch nicht so lange gebraucht, wenn man bedenkt, was ich nebenher noch alles geschafft und gelesen habe. Aber Herr Meyer verlangt eben Zeit. Und Geduld. Ich habe oft zurückgeblättert und war immer wieder versucht mit kleine Randnotizen mit dem Bleistift zu machen. Leider war es nicht mein Exemplar, deswegen habe ich mich doch zusammengerissen und es sein gelassen.

Schon in meinem letzten Post zu diesem Roman hatte ich ja einiges erzählt von dieser Lektüre, die wirklich manchmal eine Tour de force war. Im letzten Drittel des Romans zog es sich etwas in die Länge und im Nachgang denke ich: Warum also nun dieses und jenes Kapitel? Welchen Sinn sollte das ergeben? Habe ich etwas überlesen? 
Ich bin mir sehr, sehr sicher, dass ich etwas überlesen habe, nicht etwas, eher vieles. Nach dem Kapitel mit dem hübschen Titel "Tote Taube in der Flughafenstraße" war ich sehr aufgebracht - und mir war etwas übel. Ich kann mir so viele Dinge so bildlich vorstellen. Dann schmeckt der Kaffee plötzlich auch irgendwie nach verbrannten Bohnen und man mag ihn nicht mehr trinken. Auch ein gewisses Kapitel, in dem das Lustige Taschenbuch eine nicht unerhebliche Rolle spielt, habe ich zu einem wirklich falschen Tageszeitpunkt gelesen.

So viele Stimmen, so viel Gewalt, Leid, Drogen, Machenschaften und so wahnsinnig viel Menschlichkeit. Das ist jetzt schon eines der Bücher, die ich wieder lesen werde. Es ist gut, es ist fantastisch geschrieben, hart, gemein, hinterhältig - eben so, wie das Leben an der grauen Grenze des Gesetzes wohl ist.


Ein ganzer Monat Clemens Meyer

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13. Februar 2014 von

Da wollte ich eigentlich schon längst etwas geschrieben haben, über Im Stein von Clemens Meyer. Aber nein, ich habe dieses Buch noch immer nicht bis zum Ende gelesen, sondern stecke mittendrin fest und komme nur langsam voran. Das liegt nicht nur daran, dass Im Stein keine leichte Lektüre für die halbe Stunde vor dem Schlafengehen ist, sondern auch an meinem Studium (jaha, sie studiert immer noch - ein Abschluss hat ja noch nicht gereicht...).

Weil mein Blog aber nicht ganz brach liegen soll, gibt es hier eine Auflistung, welche Dinge noch dazu führen, dass mein Lesetempo schneckengleich ist:

1. Sympathie für den Autor

Im letzten Jahr war ich auf einer Lesung von Clemens Meyer. Die ist mir noch deutlich im Gedächtnis, denn Herr Meyer ist ein sympatischer Mensch. Aber sein Buch ist es nicht - wie auch, bei dieser Thematik. 
Um Im Stein aber gerecht bewerten zu können, muss ich in meinem Kopf etwas tun, was schon mal propagiert worden ist: Ich töte den Autor. In meinem Kopf natürlich. Bevor ich lese, trenne ich mich von meinem Bild vom Autor, denn das schlägt sonst quer. In diesem Fall hat es etwas gedauert...

2. Der richtige Zeitpunkt

Im Stein ist, wie bereits erwähnt, kein leichtes Buch. Es ist große Schreibkunst - das steht für mich schon fest. Nur wann genau am Tag ist der richtige Zeitpunkt um einen Roman zu lesen, der Prostitution als ökonomisches Problem, als Routinearbeit, als abstoßenes Zwischenmenschliches darstellt? Das kann ich nicht irgendwo zwischen Aldous Huxley und Aufsätzen über postkoloniale Ansätze machen. Ich muss mich frei machen von all den anderen Dingen und Im Stein meine Aufmerksamkeit widmen. Jetzt mache ich das nachmittags. Setze mich hin mit einer Tasse Kaffee. Mache meinen Computer aus, die Musik auch. Und lese, manchmal 10 Minuten, manchmal eine Stunde.

3. Überwinde die Abscheu!

Das ist vielleicht das Schwierigste bei der Lektüre dieses Buches. Manchmal muss ich es weglegen, denn hier begegnen mir Figuren, die so abstoßend sind, dass sie mich wütend machen. Oder einen Würgereiz auslösen. Ecki ist so einer. Dieser Sympathieträger macht eine Radiosendung mit dem schönen Titel "Eckis Edelkirsch", denn Ecki hatte sie alle und Ecki kennt auch die neuesten Prostituierten in der Stadt. Ein Kapitel voller Monolog, voller Freierfantasien, obszöner Wortspiele und so sexistisch, dass ich 2 Tage Abstand brauchte. Und ich bin nun nicht so zart besaitet.
Sobald sich bei der Lektüre ein Gefühl von Sicherheit oder Wohlbefinden einstellt, seid vorsichtig, denn lange kann das nicht anhalten. Gelegentlich reicht schon ein einziger Satz aus, um klarzustellen, dass es sich bei Im Stein wahrlich nicht um einen Komfortzonenroman handelt.

Ein großartiges Buch. Gebt mir noch einen Monat.


Wie ein deutscher Arzt beinahe Dänemark veränderte

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5. Februar 2014 von

Der Leibarzt Struensee kommt 1771 nach Dänemark "zu Besuch" wie es bei Per Olov Enquist so schön heißt, und beinahe hätte er die Dänische Revolution zu einem erfolgreichen Ende gebracht. In seinem Roman, der sich sehr nahe an den historischen Fakten bewegt, erzählt Enquist die erstaunliche Geschichte des Altonaer Arztes Johann Friedrich Struensee, der sich zuerst um den geisteskranken dänischen König Christian VII. kümmern soll und am Ende für die Aufklärung den Kopf hinhalten muss, lange bevor die Französische Revolution die Guillotine erfand. 

via Fischer Verlag
Dass Struensee noch heute relevant ist, liegt unter anderem an seinem Verhältnis mit der dänischen Königin Caroline Mathilde und der Tochter, die daraus hervorging: Noch heute sind Struensees Nachfahren an fast allen europäischen Höfen anzutreffen. Diese Liebe wurde dem Arzt zum Verhängnis, denn sie gab den Anlass zum Putsch durch den Emporkömmling Guldberg, der "die große Reinigung" durchführen und den alten, absolutistischen Hof wiederherstellen wollte. Die Geisteskrankheit des Königs schuf ein "Vakuum der Macht", das erst Struensee mit aufklärerischen Ideen füllte, bevor Guldberg übernahm. 

Enquist schafft es in Der Besuch des Leibarztes aus verschiedenen Erzählerpostitionen heraus jede Gefühlregung zu verzeichnen und ein genaues Bild des dänischen Hofes zu entwerfen. Struensees klaren Gedanken steht der gottesfürchtige Eifer Guldbergs entgegen. Dazwischen finden sich Passagen, in denen wir als Leser nur ahnen können, was im Kopf Christian VII. vorgegangen sein mag, dessen Verstand an seiner Erziehung zerbrochen ist. Manchmal wie ein Kind, manchmal wie ein Rasender erscheint dieser kleine Mensch, der in seltenen Momenten plötzlich zur Autorität mutiert. Und nicht zuletzt ist da noch die Königin Caroline Mathilde. Zu Beginn gerade einmal 15 Jahre alt weiß sie genau, welche ihre Rolle ist: Sie ist die "Muttersau, die gedeckt werden muss". Als Leser begleiten wir sie durch einen Findungsprozess, in dem sie nicht nur lernt, ihren Körper zu lieben und eine Sinnlichkeit zu entwickeln, die dem strengen Sittenmodell eines Guldbergs entgegensteht (er nennt sie nur "die kleine englische Hure"), sondern auch lernt, ihren Verstand zu benutzen. So ist es häufig auch gar nicht einmal Struensee, der Reformen erreichen will. Während er zögert, drängt sie ihn zu immer weitreichenderen Plänen.

Enquists Sprache ist nicht einfach und Der Besuch des Leibarztes kein leichter, unterhaltsamer Historienroman. Hier wird ein Tableau präsentiert, auf dem die Figuren sich wie auf einer Bühne bewegen und in welchem von vornherein klar ist, dass die Katastrophe unausweichlich ist. Darin liegt für mich jedoch gerade die Stärke des Buches.

Per Olov Enquist
Der Besuch des Leibarztes
Fischer-Verlag
384 Seiten


Cormac McCarthy und ich werden leider kein Paar

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28. Januar 2014 von

via bookcoverarchive.com
Wer McCarthy kennt, weiß, dass hier keine leichte Kost geboten wird und man als Leser an so einige persönliche Grenzen stoßen kann. No Country for Old Men ist das wohl hierzulande bekannteste Buch dieses amerikanischen Autors, nicht zuletzt durch die viel ausgezeichnete Verfilmung mit Tommy Lee Jones und Javier Bardiem. War Chirgurh schon im Film ein wirklich beunruhigender Charakter, so ist er es im Buch noch tausendfach mehr. 

Aber mal von vorn. McCarthy wird häufig nachgesagt, seine Prosa lese sich, als ob er Drehbücher statt Romane schreiben würde und schon nach wenigen Seiten kann ich da nur zustimmen. Anführungszeichen gibt es nicht, die Handlung erschließt sich Satz für Satz in gnadenloser Pointiertheit. Und genau darin liegt mein Problem mit seinem Text. Ich komme manchmal nicht hinterher, bin zu sehr abgelenkt von kleinen Satzfetzen, in denen so viel passiert - vor allem, in denen soviel Gewalttätiges passiert. Immer wieder verliere ich dabei also den Faden und kann nicht mehr verfolgen, wer da nun spricht und wer nicht. McCarthys Figuren sind in meinem Kopf nicht greifbar genug, um diesen Sprung zur wirklich freudvollen Lektüre zu machen. Bis auf die Hauptfigur Llewelyn und seinen Gegenspieler Chirgurh bleiben sie für mich kaum zu unterscheiden.

Nach Kapitel 12 und viel Frustration war für mich dann Schluss. Auf anderen Blogs dagegen wird gelobt und gefeiert. Ich kann nur am Rand stehen, wie derjenige, der im Sportunterricht nicht ins Team gewählt wurde. Ich hab's nicht gepackt und fühle mich angesichts der allseitigen Lobhudelei ein bisschen wie ein Versager.
Cormac McCarthy hat seinen Platz im Bücherregal bekommen, im Fach mit all den Büchern, deren Ende ich leider nie erlebt habe. Er ist dort in guter Gesellschaft. Vielleicht probieren wir es noch einmal miteinander. In 10 Jahren oder so....

PS: Jetzt musste ich doch glatt mal die Konjuntivformen von lesen nachschlagen und bin etwas verunsichert.....


Florian Illies - 1913

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2. Januar 2014 von

via Fischer
2013 ist jetzt vorbei und 2014 bringt neue Gedenktage, Rückblicke und Vorausschau mit sich. Vor 100 Jahren begann 1914 der Erste Weltkrieg mit der Ermordung des habsburgischen Thronfolgers. Über diesen Krieg ist viel geschrieben worden, der grobe Ablauf sollte jedem eigentlich bekannt sein. 

Umso interessanter ist also 1913, dass uns als Lesern einen Einblick erlaubt in dieses Jahr vor der großen Katastrophe. Dabei kommt Illies' Buch dermaßen beschwingt und leicht daher, dass es zur optimalen Lektüre für zwischendurch geeignet ist und man kaum das Gefühl hat, man würde ein geschichtsträchtiges Werk lesen. Wir lesen von den großen Männern ihrer Zeit, von denen manche "es mit der Angst bekommen, wenn die Weiber sich ausziehen" (Musil, Kafka), andere wiederum mitnehmen, was sich bietet (Munch, Schiele, Rilke) und wieder andere in rasender Eifersucht ihre größten Werke schaffen (Kokoschka). Wir lernen, wie man keinen Heiratsantrag formulieren sollte und dass Hitler und Stalin sich vielleicht sogar einmal begegnet sein könnten.

In diesem Kaleidoskop von Ereignissen zeigt sich die Gefühlslage dieser Zeit zwischen dem festen Glauben, die Golbalisierung verhindere weitere Kriege und dem Zerfall der größten Monarchie Europas am Vorabend des Krieges. Vieles ereignet sich in Wien, dass 1913 fast schon wichtiger ist als Paris. Selbst Thomas Mann fährt nur nach Berlin, wenn er muss. Dabei ist die Alltäglichkeit das wichtigste Moment und auch die Stärke des Buches. Dinge, die im Moment ihres Geschehens belanglos erscheinen für die, die an ihnen beteiligt sind, werden im Laufe der Geschichte zu Schlüsselmomenten. 

1913 von Florian Illies zeigt uns, dass auch hundert Jahre zuvor die Welt nicht so unkompliziert war, wie wir uns das vielleicht manchmal gern vorstellen wollen. Vieles, was der Autor zusammengetragen hat, könnte auch ein Spiegel für 2013 sein, denn die Probleme der Einzelnen haben sich nicht allzusehr verändert. Ein gelungenes Buch für kurzweilige Lektüre.


Abgerechnet: Ein kurzer Monatsrückblick

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30. Oktober 2013 von

In Mecklenburg-Vorpommern ist morgen Feiertag, den ich in der Bahn und in Berliner Wartezimmern zubringen werde, weshalb ich mir einige Tage Internetfreiheit gönne. Vorher gibt es aber noch einen kurzen Monatsrückblick auf den Oktober, denn da ist einiges, worüber ich nicht schreibe, weil es mir entweder schwer fällt oder aber vielleicht auch niemanden wirklich interessiert. Jetzt hier gibt es das dennoch in kurzer Zusammenfassung

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Gelesen: Ismail Kadare - Der zerrissene April

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20. Oktober 2013 von

via wikipedia
Aus Albanien kommt dieser Schriftsteller, dessen Roman Der zerrissene April eine Gesellschaft zeigt, die wir uns als deutsche Leser nur schwer als Teil des modernen Europas denken können. Dass die Blutrache auch in Europa noch im 20. Jahrhundert existiert hat, dringt nicht einfach in unserer Bewusstsein. Gerade deswegen lohnt es sich, diesen Roman zu lesen, der durch seine klare Sprache und seine wenig romantischen Darstellungen besticht. 


Darum geht es

Gjorg Berisha tötet auf der Straße vor seinem Dorf einen Menschen und erfüllt so seine Aufgabe: Er rächt das Blut seines Bruders. Die Blutfehde zwischen den Familien ist lang und hat schon viele Leben gekostet. Jetzt bleiben Gjorg noch 30 Tage, in denen er sich frei bewegen kann, bevor auch er ein Opfer der Rache werden kann.
Gleichzeitig reist der Schriftsteller Berisan Vorpsi mit seiner Frau Diana durch das albanische Hochland, auf der Suche nach den Traditionen der Hochländer. Schon bald erkennt er, dass nicht alles so romantisch ist, wie er sich das vorgestellt hatte und auch seine Ehe steht plötzlich auf dem Spiel.

Das meine ich

Der Kanun, das albanische Gewohnheitsrecht, bildet die Grundlage für die Blutrache in Albanien. Während der Sowjetzeit war sie verboten und der Einfluss des Staates groß genug, um diese Regelung auch durchzusetzen. Aber mit dem Beginn der 1990er Jahre und dem Ende der Sowjetunion tauchte sie wieder auf und wird auch heute noch gepflegt. Wie ein Wirtschaftssystem funktionieren die Regeln des Kanun: Ein Blut sind zwei Verletzungen, ein Leben kann durch ein anderes gerächt werden. Es gibt strenge Regeln, wann und wo getötet werden darf. Man kann darüber streiten, ob dieses System zu mehr oder zu weniger Rachetaten führt. Letztlich aber bleiben die Toten auf beiden Seiten, die gegeneinander aufgerechnet werden in einer blutigen Bilanz.
Ismail Kadares Der zerrissene April beginnt mit einem Mord und endet auch mit einem. Dazwischen erzählt er die Geschichte von Gjorg, der die Blutsteuer entrichten muss und dessen freies Leben endet, sobald das Ehrenwort ausläuft. Und die Geschichte des Ehepaars Vorpsi aus Tirana, die ihre Hochzeitsreise durch das albanische Hochland führt. Die fremde Welt der Hochländer und die Konfrontation mit den Traditionen der Menschen hinterlassen ihre Spuren vor allem bei Besians Ehefrau Diana. Und auch Gjorgs Leben wird verändert in dem Moment, in dem er der Kutsche mit den beiden begegnet und auf Diana trifft. Aber jedes Hoffen, dass man als Leser verspüren könnte, jedes Wünschen, dass sich das Leben von Gjorg noch "zum Guten" wenden würde, ist vergeblich. Was für uns vielleicht als archaische und zuweilen auch unsinnige Tradition erscheint, ist im Hochland Albaniens in Der zerrissene April für die Einwohner Wirklichkeit und ein System, dass nicht in Frage gestellt wird. Und so bleibt man als Leser am Ende grübelnd zurück, kehrt verändert aus dieser Erzählung zurück - so wie der Schriftsteller Vorpsi verändert von seiner Reise in das Hochland zurückkehrt.

Alles in Allem

Kadares Sprache ist fantastisch - karg und schroff wie das Hochland, das er beschreibt. In jedem Kapitel findet sich Hoffen neben Verzweiflung, alles überdeckt von einem Ahnen des sicheren Todes am Ende der Reise. Ein gutes Buch.

Bechdel-Test

Diana ist die einzige weibliche Figur mit Namen und auch die einzige weibliche Hauptstimme des Romans. In einer Welt, die nach den uralten Regeln eines auf Männer gerichteten Gesetzes funktioniert, haben Frauen nicht viel zu sagen. [0/3].

Ismail Kadare
Der zerrissene April
Fischer-Verlag, 239 Seiten.


Unbekannte Bücher: Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau

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16. Oktober 2013 von

via wikipedia
Elisa von der Recke (1754 - 1833) dürfte heute nur noch wenigen Menschen in Deutschland bekannt sein. Zu ihrer Lebzeit aber war sie an den Höfen Europas ein bekannter Name, war sie doch die Schwester der Herzogin Dorothea in Kurland und eine interessante Persönlichkeit ihrer Zeit. 
Nach einer unglücklichen Ehe mit Herrn von der Recke blieb sie für den Rest ihres Lebens unverheiratet, obwohl es an Angeboten nicht gemangelt haben soll. Ihr Buch Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau wurden erst posthum 1921 veröffentlicht.

Darüber, dass Kurland Ende des 18. Jahrhunderts nicht unbedingt ein spannendes Ländchen war, gibt es keinen Zweifel. Und auch Elisa von der Recke schreibt vor allem gern darüber, wenn Gäste kommen. Diese aber sind zahlreich, denn die einzige Straße, auf der man eine Reise ins ferne St. Petersburg aushält, führt durch Kurland. Und so kommen einige Bekanntheiten hier vorbei, z.B. Giacomo Casanova, mit nur 3 Reichsthalern in der Tasche - aber mit endlosem Charme. Aber auch die lokalen Familien lernt man kennen, denn Elisas Großmutter ist wichtiger Teil der adligen Gesellschaft.

Herzensgeschichten einer baltischen Edelfrau gibt tiefe Einblicke in eine Kindheit und Jugend im 18. Jahrhundert, mit allen uns heute fragwürdig erscheinenden Erziehungsmaßnahmen. Dass diese Erinnerungen von einer Frau komme, ist besonders reizvoll, denn das ist eine Seltenheit. Die Jugenderinnerungen anderer großer Frauen dieser Zeit kennen wir häufig nur aus der Sicht der Brüder, Väter oder Ehemänner. Hier aber spricht diese Frau selbst und zeigt uns, dass die Herzensangelegenheiten damals wie heute vertrackt sein können. Und sie tut es mit einer Prise Humor und so leicht und beschwingt, dass man schneller am Ende des Buches angekommen ist, als es einem lieb ist.

Elisa von der Recke
Herzensangelegenheiten einer baltischen Edelfrau
Frei verfügbar im Projekt Gutenberg
über zvab.com


Gelesen: Carambole

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8. Oktober 2013 von

via Dörlemann Verlag
Jens Steiner ist Schweizer, hat einiges studiert und auch schon einen Roman geschrieben - aber mit Carambole gelingt ihm etwas Neues. Der Roman war dieses Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu finden - und das zu Recht. In 12 Kapiteln wird uns eine Dorfgemeinschaft vor Augen geführt und die komplexe und durchdachte Art des Erzählens führt zu häufigem Blättern, zu verwirrtem Überlegen und vielen Aha-Momenten bei der Lektüre.

Darum geht es

Ein Dorf in dem alles und nichts passiert ist der Schauplatz für 12 Kapitel aus den Perspektiven von 12 Figuren. Die Handlung? Nicht im Vordergrund. Hier geht es um Menschen und um ihre verzweifelte Starre, aus der sie sich so manches Mal nicht befreien können. Nichts passiert, alles passiert.

Das meine ich

Carambole verbindet Gegensätzliches: Eine Vielzahl von Figuren, ein Querschnitt durch die Gesellschaft in Form einer Dorfgemeinschaft trifft auf psychologische Betrachtung. Jedes Kapitel hat einen anderen Erzähler und es unsere Aufgabe als Leser aus dem Gelesenen ein sinnvolles Ganzes zu konstruieren. Genau genommen gibt es in Carambole nicht sehr viel Handlung, denn der Raum des Romans steckt voller Gedanken, voller Überlegungen und voller Verzweiflung dieser Figuren, deren Stimmen wir vernehmen. Da ist der Unbekannte, der die Eltern zweier verfeindeter Brüder in einem Autounfall getötet hat und im Verborgenen bleibt. Da sind drei Jungen, deren Leben bei genauer Betrachtung so facettenreich und unterschiedlich ist, wie man es gar nicht vermutet hätte ob der großen Trägheit, die noch im ersten Kapitel herrscht. Am meisten beeindruckt aber vielleicht der "klandestine Altherrenklub", die "Troika" aus drei Männern, die sich hinter italienischen Namen und Philosophie verschanzen und im Denken zusammengefunden haben.

Allen Figuren gemeinsam ist auch, dass es in ihrem Leben Ereignisse gegeben hat, die zu großer Verzweiflung, zu Resignation, Wut und Trauer geführt haben, aus denen sie sich nicht befreien können - oder wollen. Die Resignation vor dem Leben ist spürbar, sie spiegelt sich in der Zersplitterung des Romanaufbaus und in den kleinen Details der Szenengestaltung. Aber obwohl sie so zentral erscheint, ist sie natürlich nicht das einzig auffindbare Gefühl. Jede der Figuren in Carambole hat ihre Eigenarten, ihre Marotten, die sie auszeichnen und von den anderen unterscheidet. Manchmal eröffnen sich so Einsichten in das Innenleben, die man aus den Handlungen nicht erwartet hätte. Figuren, die bis dahin verwirrt, aggressiv oder desorientiert erschienen stellen sich als Philosophen, Pessimisten, Optimisten, Naturwissenschaftler heraus. Und wir Leser sind wieder erstaunt, blättern zurück, lesen noch einmal und überlegen, ob wir dieser Figur schon einmal begegnet sind. Mit jedem Kapitel fügt sich wieder etwas zusammen und nach dem 12. Kapitel "Aus" sehen wir dieses Schweizer Dorf in vielen bunten Facetten, die sich zu einem stimmigen Gesamtbild verbinden.

Alles in Allem

Dieses Buch hat es sehr verdient auf die Longlist geschafft. Lesen!

Jens Steiner
Carambole
Dörlemann, 2013
224 Seiten


Gelesen: Elementarteilchen

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19. September 2013 von

via Rowohlt
Michel Houellebecq gehört zu Frankreichs größten Schriftstellern der Gegenwart und wie bei vielen seiner Kollegen auch kann man davon ausgehen, dass seine Bücher viel besprochen werden, aber weniger gelesen. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass auf der Rückseite der Ausgabe in schwarzen fetten Buchstaben der Aufruf "Hören Sie auf, darüber zu reden. Lesen sie es!" steht. Elementarteilchen ist skandalöser Roman, voller Sex und menschlicher Abgründe, aber eben auch eine präzise Analyse der gesellschaftlichen Situation. Houellebecq liefert eine utopische Lösung des Problems und zeigt gleichzeitig ihre Tragik.

Darum geht es

In einem kleinen Ort in Frankreich begegnen sich zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Bruno, der sein Leben lang den Frauen nachjagt, ein Sexsüchtiger, psychisch instabil und unsicher. Und Michel, der Wissenschaftler, der in seinem Leben die Liebe nicht kennenlernen wird und der nach und nach alle Bindungen an andere menschliche Wesen verliert. Ihnen gemeinsam ist die Mutter, die sich nicht sehr um ihre Söhne kümmerte. Die Geschichten dieser ungleichen Männer dienen als Projektionsfläche für ein Nachdenken über die Gesellschaft der 2 Hälfte des 20. Jahrhunderts, über sexuelle Freiheiten, über Gewalt und Verrohung, und gescheiterte Menschen.

Die meisten Individuen, die Bruno im Laufe seines Lebens kennengelernt hatte, waren fast ausschließlich von der Suche nach Sinnenfreuden beseelt- vorausgesetzt natürlich, dass man in den Begriff der Sinnenfreuden die narzisstischen Befriedigungen einbezieht, die sehr stark mit der Wertschätzung oder Bewunderung der anderen verbunden sind. Und so entstanden unterschiedliche Strategien, die man als Menschenleben bezeichnetet.
Sein Halbbruder stellte jedoch eine Ausnahme von dieser Regel dar; allein der Begriff der Sinnenfreuden schien sich schwer mit ihm in Verbindungen setzen zu lassen; aber war Michel überhaupt von irgend etwas beseelt? Eine geradlinige, gleichförmige Bewegung ist von unendlicher Dauer, wenn sie weder der Reibung noch einer von außen auf sie einwirkenden Kraft ausgesetzt ist. Das rationale, organisierte, soziologisch gesehen in der oberen Mittelschicht angesiedelte Leben seines Halbbruders schien bisher keiner Reibung ausgesetzt worden zu sein.

Das meine ich

Der Aufruf auf der Rückseite ist wahrscheinlich berechtigt, ich kenne kaum jemanden, der das Buch tatsächlich gelesen hat. Viele kennen aber den Titel oder haben die deutsche Verfilmung mit Christian Ulmen und Moritz Bleibtreu gesehen. Diese hat allerdings bei genauerer Betrachtung nicht wirklich viel mit dem Roman zu tun, in dem die Sachlage noch einmal wesentlich tragischer ist. Geschrieben ist Elementarteilchen als ein Nachruf aus der Vergangenheit auf den Wissenschaftler Michel Djerzinski, der der Welt einen großen Dienst erwiesen hat. Houellebecq kontrastiert drastisch zwischen den Lebensgeschichten der zwei Brüder: Michels Umgebung ist klinisch rein, sie lässt keine Unordnung und auch kein Chaos zu. Sein Sozialleben ist geordnet, übersichtlich und von einer inneren Distanz geprägt, die schnell an eine Form des Autismus denken lässt. Brunos Welt dagegen ist von Frauen und Sex geprägt. Immer auf der Suche nach der nächsten Nummer driftet er durch die Welt, verliert dabei seine eigene Familie und findet zumindest für eine Weile die Liebe. Es scheint, als ob diese Passagen des Buches nur aus nackten Körpern und hedonistischem Lebensgefühl bestehen. Über allem steht wie es scheint die Erzählinstanz, die als Kommentator und Kritiker der Geschehens fungiert und immer wieder nach Erklärungen für das Handeln der Figuren sucht. Mal hat sie selbst eine Stimme, mal lässt sie die Figuren sprechen, besonders dann, wenn der Naturwissenschaftler Michel und der Geisteswissenschaftler Bruno bei ihren seltenen Treffen diskutiert.

In einer Gesellschaft, in der jugendliches Aussehen und sexuelle Leistungsfähigkeit Faktoren des sozialen Stands werden, in der immer mehr Menschen in esoterischen Lehren nach einem Mysterium suchen, mit dem sie ihr Leben füllen können, entwickelt der Wissenschaftler Djerzinski eine Methode, mit dem zumindest der Körper ewig leben kann. Reproduktion ohne Sex. Die Erschaffung eines neuen Menschen "im Bilde des Menschen" soll zu einer kulturellen Revolution führen und den Verfall der metaphysischen Werte, der sich seit der 68er Revolution stark beschleunigt hat, beenden.

Alles in Allem

Elementarteilchen macht einen ganz schwindelig, denn Michel Houellebecq zieht eine ganze Reihe philosophischer Konzepte zur Konstruktion seiner Hypothesen heran. Dieses Buch kann und muss man mehrfach lesen. Vieles von dem, was der Autor hier vertritt, eröffnet sich dem Leser erst in einem zweiten Leseprozess. "Hören Sie auf, darüber zu reden. Lesen Sie es!"

Bechdel-Test

Die beiden weiblichen Hauptfiguren begegnen sich nicht und auch alle anderen Frauen in Elementarteilchen erscheinen jeweils einzeln. Sie unterhalten sich immerhin mit Männern auch über andere Dinge als Männer, deswegen gibt es [2/3].

Michel Houellebecq
Elementarteilchen
Rowohlt, 2001
384 Seiten


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